G Grüewiss / Dossier
SHUTDOWN Aktualisiert 27.05.2026
Dossier · Game of Thrones ist früher zurück als gedacht

Cupsieger vor der Zerreissprobe.

Wer es nicht aushalten konnte die neue Staffel House of the Dragon, bei welcher die "Grünen" und die "Weissen" bekanntlich um die Macht im fiktiven Westeros buhlen am 21. Juli zu sehen, bekommt nun einen deutlich realeren Machtkampf mit. 48 Stunden nach dem ersten Titel seit 26 Jahren steht der FC St.Gallen 1879 vor dem grössten Führungs­umbruch der Klubgeschichte. Ein Teil der Aktionäre will am 30. Juni vier von fünf Verwaltungsräte austauschen. Der Präsident soll mittelfristig folgen. Wie es soweit kam und warum eine Handvoll Personen faktisch über die Zukunft eines 19'000-Aktionärs-Klubs entscheidet. Diese Page soll all denen helfen, welche nicht den ganzen Tag haben den Tagi zu refreshen.

00 — Post Mortem

Ein Fehlgriff zur Unzeit.

Was im Wankdorf als Volksfest begann, kippte binnen 48 Stunden in eine kollektive Ernüchterung. In der ganzen Ostschweiz wurde der Cupsieg gefeiert, in jeder Beiz, an jedem Stammtisch. Und dann diese Nachricht. Die Wut war gross, die Enttäuschung grösser. Sponsoren drohten mit Ausstieg, die Stadtregierung meldete sich öffentlich besorgt, die Fankurve schrieb auf Transparenten zurück. Eine ganze Region fühlte sich um ihren Moment betrogen.

Dass ausgerechnet im Augenblick des grössten sportlichen Erfolgs seit einer Generation, unmittelbar vor der anstehenden Saisonkarten-Verlängerung, eine Handvoll Grossaktionäre den Verwaltungsrat austauschen wollte, wirkt rückblickend wie ein strategischer Fehlgriff sondergleichen. Der Zeitpunkt legte alle Karten in die Hände des amtierenden VR: Hüppi, gerade als Cupsieger gefeiert, mit der ganzen Ostschweiz im Rücken, vor einer Abo-Kampagne, die ohne ihn faktisch nicht zu führen war. Eine kürzere Sicht ist kaum vorstellbar, und der Ausgang am 27. Mai zeigt das deutlich.

Diese Saga sollte deshalb mehr sein als eine Anekdote. Sie zeigt, wie zerbrechlich etwas so Schönes wie der FCSG ist, und wie viel davon an wenigen Personen hängt. Zehn Aktionäre standen bis Anfang Woche hinter der Event AG (zwei davon sind Brüderpaare, gebündelt in der Fortimo und einer Familienholding). Vier ziehen sich nun zurück. Sechs bleiben, mit grösserem Anteil als zuvor. Die Macht konzentriert sich weiter. Der nächste Bruch, ausgelöst durch zwei oder drei abweichende Stimmen am richtigen Tisch, ist strukturell jederzeit wieder möglich. Wer den Klub liebt, sollte das im Hinterkopf behalten.

— Amir

01 — Chronik

Wie aus einem Triumph eine Zerreissprobe wurde.

Vom Tod des grössten Einzelaktionärs im Frühling 2025 bis zur ausserordentlichen Generalversammlung im Juni 2026 — die Schritte, die zum aktuellen Beben führten.

02 — Stimmgewicht

Zehn Schultern, eine Mehrheit.

Hinter dem FCSG steht die FC St.Gallen Event AG, die «Muttergesellschaft» der Lizenzspielerabteilung. Zehn Aktionäre teilen sich praktisch das gesamte Stimmkapital, gebündelt in acht Paketen (die Brüder Bienz halten ihren Anteil über die Fortimo, die Brüder Müller über eine gemeinsame Familienholding). Klick die Anteile an: schon wenige Allianzen kippen jede Abstimmung. Nach dem 27. Mai 2026 sind es noch sechs.

0.00%
Allianz · 0 Aktionäre
Keine Mehrheit
So funktioniert es: Die Event AG hält 49,6 % der operativen FC St.Gallen AG und entscheidet faktisch über den Verwaltungsrat. Wer in der Event AG > 50 % der Stimmen mobilisiert, kann den Klubkurs bestimmen. Schon vier zusammenstehende Aktionäre reichen — entsprechend braucht es nur eine Gegenstimme aus den oberen vier, um den geplanten Umbruch zu kippen.
02b · Eigentümerstruktur Wer wem gehört.
100% 49,6% + LIZENZ 50,4% EIGENTÜMER·EBENE · 8 PERSONEN 8 Grossaktionäre Fortimo · Müller · Gutjahr · Thoma · Schubiger · Eisenhut · Jäger · Schützengarten · ABV-gebunden ▪ halten zusammen ~100 % der Event AG MUTTERGESELLSCHAFT FC St.Gallen Event AG Entscheidungsträgerin im Profibetrieb. Besitzt die Lizenzspielerabteilung. ▪ hält 49,6 % der FC St.Gallen AG PUBLIKUM · 2022 19'000 Kleinaktionäre Aus Kapital­erhöhung 2022. Fragmentiert → ohne VR-Macht. ▪ halten ~50,4 % der AG OPERATIVE GESELLSCHAFT FC St.Gallen AG Klubbetrieb · Stadion · Sponsoring · 19'000 Aktionäre ★ VERWALTUNGSRAT
Der Trick: Obwohl die Klein­aktionäre zusammen leicht über die Hälfte der FC St.Gallen AG halten, können sie den Verwaltungs­rat nicht bestimmen, darüber entscheidet die Event AG. Und in der Event AG braucht es nur eine knappe Mehrheit unter zehn Personen (nach dem 27. Mai noch sechs), um den gesamten Kurs des Klubs zu drehen.
03 — Besetzung

Der alte und der neue Verwaltungsrat.

Per 30. Juni 2026 sollen vier von fünf Verwaltungs­räten ausserordentlich ausscheiden. Das Quartett, das nachrücken soll, wurde noch nie öffentlich vorgestellt.

Der bleibende Verwaltungsrat
Stand 27.05.2026
MH
Matthias Hüppi
Präsident · Verbleib offen, ab 2027 wohl raus
PG
Peter Germann
VR · soll per 30.06.2026 ausscheiden
PG
Patrick Gründler
VR · soll per 30.06.2026 ausscheiden
CH
Christoph Hammer
VR · soll per 30.06.2026 ausscheiden
BW
Benedikt Würth
VR · Nationalrat · soll ausscheiden
Der geplante neue VR — gescheitert
verworfen 27.05.2026
SK
Stefan Kölliker
Kandidatur hinfällig · 27.05.2026
MH
Marwin Hitz
Kandidatur hinfällig · 27.05.2026
UB
Urs Baumer
Kandidatur hinfällig · 27.05.2026
MW
Martina Wüthrich
Kandidatur zurückgezogen · 26.05.2026
PT
Patrick Thoma
Tritt aus VR und Aktionariat zurück · 27.05.2026
04 — Was als nächstes passiert

Drei offene Fragen Richtung 30. Juni.

Ein Aufstand der 19'000 Kleinaktionäre wäre ein starkes Zeichen — gänzlich verhindern können sie den Umbruch aber nicht. Entscheidend wird, ob ein Teil der Grossaktionäre bei Hüppi bleibt.

01
Bleiben alle Grossaktionäre auf Linie?
Dem Aktionariat reicht eine knappe Mehrheit — gibt es Risse, kippt der Plan. Hinweise aus Berichten: Selbst innerhalb des Aktionariats ist die «Vorwärtsstrategie» nicht unumstritten.
02
Wie reagieren die Sponsoren?
Erste Sponsoren sollen mit dem Ausstieg gedroht haben. Wenn die regionale Wirtschaft kippt, wird der wirtschaftliche Druck auf das Aktionariat sehr schnell sehr gross.
03
Was machen die 19'000 Kleinaktionäre?
Sie halten Aktien der operativen AG, nicht der Event AG — ihre Stimme reicht für eine Demonstration, nicht für ein Veto. Ein lautes Statement an der GV der AG könnte aber Grossaktionäre zum Umdenken bringen.